Empfehlung angenommen

Empfehlung angenommen

Künstliche Intelligenz hält auch Einzug in die Jugendarbeit! Junge Menschen gehen wie selbstverständlich mit KI um – mal so, dass ungeahnte Potenziale freigelegt werden, mal so, dass auch kritisches Hinterfragen nicht fehl am Platz ist. Wir wollen uns in zwei BAIträgen mit zwei Fragen an dieses Thema nähern: Wird KI in der gelebten Jugendarbeit eigentlich eine Stütze oder ein Hemmschuh sein? Und: Werden wir KI jemals vertrauen können?

Diese Kurzgeschichte ist als Gedankenexperiment entstanden – und ja: Sie wurde auch unter Einsatz von Künstlicher Intelligenz entwickelt. Mir war dabei wichtig, den Text nicht „einfach generieren“ zu lassen, sondern ihn im Dialog mit einem KI-System zu erarbeiten. Dazu gehörten ausführliche Gespräche über Figuren, Perspektiven, Dramaturgie und Setting. Wie so oft gilt auch hier: Der Input entscheidet maßgeblich über den Output. KI ersetzt kein Nachdenken – sie strukturiert, spiegelt und erweitert es. „Die Kurve“ ist keine Prognose und keine Dystopie. Sie ist ein Szenario, ein mögliches „Was wäre, wenn“. Ein Versuch, zu erkunden, wie sich bestimmte technologische Logiken auf ein Feld auswirken könnten, das wesentlich von Beziehung, Reibung, Vertrauen und Menschlichkeit lebt. Mein eigenes Credo im Umgang mit KI lautet: Wenn solche Werkzeuge sinnvoll eingesetzt werden, dann sollten sie uns Zeit verschaffen – Zeit für echte Begegnung. Gerade in der Jugendarbeit darf Technik nicht Beziehung ersetzen, sondern höchstens unterstützen. Diese Geschichte denkt bewusst eine mögliche Verschiebung zu Ende. Nicht als Warnung, sondern als Einladung zur Diskussion.

Technische Hinweise

Die Illustrationen wurden mithilfe verschiedener KI-Tools erstellt, unter anderem mit Googles Nano Banana sowie mit Sora von ChatGPT. Je nach Modell gibt es mal mehr oder weniger Probleme mit der Darstellung von Text auf einem Bild.

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Empfehlung Angenommen

Ein Text von Daniel Köberle

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25.05.2035 – in einer bayerischen Diözesanstadt.
Als Toni an diesem Morgen den Veranstaltungsraum betritt, ist alles still. Die Stuhlreihen stehen, die Technik läuft, auf dem großen Bildschirm im Orga-Raum leuchtet bereits das Dashboard. „Diözesaner Jugendtag – System aktiv.“ Sie stellt ihre Tasche ab und tippt auf „Start“. Die ersten Daten fließen ein. Anmeldungen, Check-ins, Social-Media-Posts mit dem offiziellen Hashtag, anonymisierte Rückmeldungen aus der App. Das System analysiert Stimmung, Beteiligung, Diskussionsintensität. Ein sanfter Graph baut sich auf. Grün. Toni atmet aus. Früher waren solche Tage Bauchgefühl gewesen. Heute ist es transparenter. Planbarer. „Empfehlung: Begrüßung um 3 Minuten verkürzen. Aufmerksamkeit sinkt erfahrungsgemäß nach Minute 9.“ Sie lächelt kurz und nickt der Moderatorin zu. Drei Minuten weniger. Niemand merkt es.
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Der Tag läuft gut
„Empfehlung: Begrüßung um 3 Minuten verkürzen. Aufmerksamkeit sinkt erfahrungsgemäß nach Minute 9.“ Sie lächelt kurz und nickt der Moderatorin zu. Drei Minuten weniger. Niemand merkt es. Der Tag läuft gut. Workshops, Begegnungen, Gespräche. Das Dashboard bleibt stabil. Grün. Am Nachmittag steht der Workshop an, bei dem Toni am meisten gespannt ist. Thema: „Glaube, Kirche und Verantwortung in einer zerrissenen Welt“. Ein bewusst offenes Format. Sie hatte es so gewollt.
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Nach zehn Minuten verändert sich die Kurve.
Die Linie wird gelb. Dann orange. Eine Jugendliche in dem Workshop sagt laut: „Ganz ehrlich? Ich finde, die Kirche hat bei dem Thema jede Glaubwürdigkeit verloren.“ Ein Raunen geht durch den Raum. Ein Junge drei Plätze weiter dreht sich abrupt zu ihr. „Das kannst du so nicht sagen! Du weißt doch gar nicht, wovon du redest.“ „Doch, tue ich.“ Die Stimmen werden lauter. Jemand klatscht zustimmend. Jemand anderes ruft: „Lass sie doch ausreden!“ Ein Stuhl rutscht hart über den Boden. Für einen Moment stehen zwei Jugendliche einander gegenüber, dichter, als es nötig wäre.
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Die Linie auf dem Bildschirm springt.
„Diskussionsintensität steigt.“ „Polarisierungswahrscheinlichkeit: 71 %. Tendenz steigend.“ „Empfehlung: Moderation strukturierend eingreifen. Fokus auf lösungsorientierte Fragen lenken.“ Toni beobachtet die Live-Transkription. Wörter blinken auf. „Heuchelei.“ „Tradition.“ „Ausgrenzung.“ „Verantwortung.“
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Eine weitere Stimme meldet sich, brüchig:
„Vielleicht fühle ich mich einfach nicht gesehen in dieser Kirche.“ Stille. „Konfliktkurve überschreitet empfohlenen Bereich.“ Früher, denkt Toni, hätte sie genau das gesucht. Diese Momente, in denen es nicht mehr um richtige Antworten geht, sondern um etwas, das wirklich auf dem Spiel steht. Ehrlichkeit, Verletzlichkeit. Zugehörigkeit. Das System wartet nicht. „Empfehlung wiederholt: Intervention einleiten.“ Sie tippt auf das Headset-Symbol. Die Moderatorin bekommt einen diskreten Hinweis. „Bitte Diskurs auf gemeinsame Nenner zurückführen. Emotionale Eskalation vermeiden.“ Die Moderatorin hebt beschwichtigend die Hände. „Vielleicht schauen wir zunächst darauf, was uns verbindet. Wo erleben wir Kirche positiv?“ Die Energie im Raum verändert sich. Die Jugendlichen setzen sich wieder. Die Stimmen werden leiser. Die Wortmeldungen vorsichtiger. Die Linie auf dem Bildschirm gleitet zurück ins Gelbe, dann ins Grüne.
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„Emotionales Gleichgewicht wiederhergestellt"
Toni lehnt sich zurück. Objektiv betrachtet: gut reagiert. Keine Eskalation. Keine Verletzungen. Kein Abbruch. Der Workshop endet pünktlich. Als die Jugendlichen hinausströmen, bleibt eine von ihnen stehen. Vielleicht sechzehn, sie trägt noch das Workshop-Armband. „Bist du von der Orga?“ Toni nickt. „Warum habt ihr das Thema gewechselt?“ „Es wurde etwas hitzig“, sagt Toni vorsichtig. „Wir wollten, dass es konstruktiv bleibt.“ Die Jugendliche zuckt mit den Schultern. „Aber genau da wurde es doch ehrlich und spannend.“ Sie sagt es nicht vorwurfsvoll. Nur feststellend. „Ich hatte das Gefühl, da hätte eine spannende und vor allem wichtige Diskussion passieren können. Und dann war es plötzlich wieder … glatt.“
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Glatt.
Das Wort bleibt hängen. „Danke fürs Feedback“, sagt Toni. Automatisch. Die App wird es später auch erfassen. Am Abend sitzt sie allein im Orga-Raum. Der Jugendtag ist vorbei. Auf dem Bildschirm erscheint der Abschlussbericht. „Gesamtzufriedenheit: 92 %.“ „Keine kritischen Vorfälle.“ „Keine Abbrüche.“ „Konfliktintensität im empfohlenen Rahmen.“ Darunter ein grüner Haken. „Empfehlung: Konfliktmanagement-Algorithmus beibehalten.“
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Die Kurve war stabil
Toni schaut auf die Kurve des Nachmittags. Ein kleiner Ausschlag, dann die sanfte Rückkehr zur Linie. Früher hätten wir das ausgehalten, denkt sie. Sie erinnert sich an Diskussionen, die nicht sauber endeten. An Unsicherheit, die man aushalten musste. An Gespräche im Nachgang, in Ecken, auf Treppenstufen. An das Gefühl, dass gerade im Unfertigen etwas gewachsen war. Der Cursor blinkt. „Bestätigen?“ Sie zögert einen Moment. Dann klickt sie auf „Ja“. Das Dashboard wird dunkel. Nur ein kleiner Hinweis bleibt stehen: „Lernprotokolle gespeichert. System optimiert.“ Toni nimmt ihre Tasche. Draußen auf dem Flur lachen noch ein paar Jugendliche. Sie bleibt kurz stehen. Und fragt sich, ob sie heute etwas verhindert hat oder ob sie etwas bewahrt hat. Die Kurve war stabil. Sie ist es nicht ganz.

Daniel Köberle

• Freiberuflicher Fotograf mit Schwerpunkt Reportage & Portrait für Verbände, Parteien, Kirchen und soziale Einrichtungen
• Referent für KI-Workshops im Kontext von Jugendverbänden
(Schwerpunkt: Foto- und Video-KI)
• Ehemaliger Landesvorsitzender des BDKJ Bayern (Jahre: 2016-2022)
• Arbeitet an der Schnittstelle von Bildethik, Technologie und Jugendarbeit

Mehr unter: www.daniel-koeberle.de

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