Demokratie braucht digitale Souveränität

Demokratie braucht digitale Souveränität

Landesversammlung 2026

04.07.2026


Hinweis: Hierbei handelt es sich um eine noch nicht abschließend redigierte Fassung unseres Beschlusses. Wir reichen eine endgültige Fassung nach.

Resiliente digitale Ordnung als Pfeiler der Demokratie stärken – Voraussetzungen
für eine wehrhafte Demokratie im digitalen Raum schaffen

Digitale Souveränität bildet das Fundament für die Selbstbestimmung in einer
medialisierten Welt. Über die rein technische Befähigung hinaus stellen sich
heute fundamentale Fragen für die gesamte Gesellschaft: Wem gehört eigentlich
der Marktplatz, auf dem der demokratische Diskurs stattfindet? Und damit zu
wessen und welchen Regeln findet dieser Diskurs statt?
Wenn die Orte der öffentlichen Meinungsbildung zunehmend von digitalen
Algorithmen privater Konzerne bestimmt werden, die Populismus und
Emotionalisierung belohnen, wird die Verteidigung der Demokratie zu einer
Überlebensfrage für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.[1]Die Lebenswelt von
Kindern und Jugendlichen ist im Jahr 2026 untrennbar mit dem digitalen Raum
verwoben. Digitale Medien sind kein optionaler Zusatz mehr, sondern das zentrale
Fenster zur Welt und zur sozialen Identität.[2] Der BDKJ Bayern begreift dabei
den Zugang zum digitalen Umfeld als notwendige Basis für Bildung, Information
und demokratische Partizipation. Basierend auf seinem christlichen Menschenbild,
tritt er dafür ein, dass junge Menschen im Netz nicht als bloße
Datenlieferant*innen oder Konsument*innen von Algorithmen betrachtet werden,
sondern als Subjekte, deren Würde und Integrität unantastbar sind. In diesem
Sinne betont auch Papst Leo XIV. die Notwendigkeit, technologische Macht durch
geeignete Regulierung konsequent am Gemeinwohl auszurichten, da sie zunehmend
von privaten Akteur*innen geprägt wird.[3]
Digitale Souveränität bedeutet für den BDKJ Bayern somit weit mehr als
technisches Anwender*innenwissen: Es ist die Fähigkeit zur Selbstbestimmung, zur
kritischen Reflexion und zur aktiven Mitgestaltung einer digitalisierten
Gesellschaft.

Analyse der Lebensrealität

Die aktuelle Faktenlage verdeutlicht die Omnipräsenz digitaler Medien: 98% der
befragten Jugendlichen der JIM-Studie 2025 nutzen regelmäßig ein Smartphone als
primären Zugangsweg zum Internet. Soziale Plattformen wie WhatsApp, Instagram,
Snapchat und TikTok prägen den Alltag und sind die zentralen Orte der
Vernetzung. Eine neue Dimension der Digitalisierung stellt der rasante Einzug
der Künstlichen Intelligenz dar. 84 % der befragten 12- bis 19-Jährigen haben
Anwendungen wie ChatGPT bereits genutzt, wobei die Nutzung für Hausaufgaben und
Lernen sowie die Informationssuche im Zentrum steht. Besonders kritisch ist
hierbei, dass 57 % der befragten Jugendlichen die von KI generierten
Informationen für grundsätzlich vertrauenswürdig halten, was völlig neue
Anforderungen an die Nachrichten- und Informationskompetenz stellt.

Gleichzeitig verschärfen sich die Risiken im digitalen Raum massiv. Zwei Drittel
der befragten Jugendlichen begegnen regelmäßig Fake News, 64 % berichten von
Beleidigungen und fast die Hälfte ist mit Hate Speech konfrontiert. Besonders
alarmierend ist die Zunahme von sexueller Belästigung im Netz, von der bereits
29 % aller Jugendlichen – bei Mädchen sogar 39 % – betroffen waren.[4]
In Deutschland zeigt sich zudem weiterhin ein hohes Ausmaß problematischer
Mediennutzung von insbesondere den sozialen Medien und Online-Videos unter
Kindern und Jugendlichen. Besonders besorgniserregend ist, dass der Anteil
derjenigen mit suchtähnlichen Verhaltensweisen weiter zunimmt und sich
problematische Nutzung zunehmend verfestigt.[5]
Diese Gefährdungen treffen auf eine Jugendgeneration, die zunehmend unter
Einsamkeit leidet. Weitere Studien belegen einen Zusammenhang zwischen sozialer
Isolation und politischer Entfremdung: Einsame junge Menschen haben signifikant
weniger Vertrauen in politische Institutionen und sind anfälliger für
Radikalisierung.[6] Digitale Souveränität ist somit auch eine Überlebensfrage
für den demokratischen Zusammenhalt.

Zentrale Grundfrage: Wem gehört der Marktplatz der Demokratie?

Die Positionierung des BDKJ Bayern steht in einer langen Tradition der
anwaltschaftlichen Interessenvertretung von jungen Menschen. Bereits im Jahr
2013 betonten der BDKJ Bayern in dem Beschluss „Digitale Lebenswelten von
Kindern und Jugendlichen – Ein Thema für den BDKJ Bayern“, dass Kinder ein Recht
auf Teilhabe an der technischen Entwicklung haben. Weiterhin soll auf der einen
Seite das Gefährdungspotenzial ernst genommen werden und auf der anderen Seite
verhindert werden, dass Mediennutzung und soziale Netzwerke diabolisiert
werden.[7]Im Jahr 2021 hat der BDKJ Bayern mit der Position „Gemeinsam gegen
Hatespeech“ klargestellt, dass das Internet kein rechtsfreier Raum sein darf und
er gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit im Netz aktiv eintritt. [8] Als
Teil des Bayerischen Jugendrings ist der BDKJ Bayern gegen ein pauschales
Social-Media-Verbot oder starre Altersgrenzen. Da soziale Medien elementarer
Bestandteil der Lebenswelt sind, würden Verbote junge Menschen lediglich vom
gesellschaftlichen Diskurs ausschließen, statt sie wirksam zu schützen.[9]

Hinter der Debatte um Verbote liegt jedoch die fundamentale Frage nach der
Zukunft der Demokratie: Wem gehört eigentlich der Marktplatz, auf dem die
öffentliche Meinung heute entsteht? Wenn dieser Marktplatz privaten Konzernen
gehört, darf die Antwort nicht die Vertreibung der jungen Menschen sein, sondern
eine Neuausrichtung der digitalen Öffentlichkeit nach Regeln, die durch die die
Gemeinschaft definiert und dem Gemeinwohl verpflichtet sind. Echte digitale
Souveränität bedeutet, dass junge Menschen auf dem Marktplatz der Meinungen
nicht zu bloßen Konsument*innen von Hass und Desinformation degradiert werden.
Sie erfordert ein Gleichgewicht aus drei gleichwertigen Säulen: Schutz, Teilhabe
und Befähigung. Ziel ist eine echte digitale Souveränität, die junge Menschen
befähigt, sich reflektiert, resilient und verantwortungsvoll in digitalen Räumen
zu bewegen, um so den demokratischen Zusammenhalt nachhaltig zu stärken.

Politische Forderungen

I. Grundsätzliche Forderungen zum Erhalt der Demokratie

Der BDKJ Bayern fordert eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung
darüber, ob ein algorithmisch gesteuerter, privater Marktplatz die Basis der
Demokratie sein kann. Es bedarf einer politischen Rahmensetzung für eine neue
Öffentlichkeit, die den demokratischen Diskurs über die Profitinteressen
einzelner Tech-Giganten stellt. Daraus ergibt sich insbesondere ein Auftrag für
die Europäische Union: Als supranationaler Akteur muss sie den politischen
Rahmen dafür definieren und umsetzen.

II. Formale Bildung

Der BDKJ Bayern fordert die verbindliche Verankerung systematischer
Medienbildung und KI-Kompetenz in allen Schulformen und Jahrgangsstufen, sowohl
als eigenständiges Element als auch als fächerübergreifendes Prinzip. Lehrkräfte
müssen im Rahmen einer Qualifizierungsoffensive flächendeckend geschult werden,
um junge Menschen kompetent im Umgang mit Desinformation und digitalen Risiken
begleiten zu können. Dieser muss eine nachhaltige finanzielle Ausstattung
sichern.

III. Non-formale Bildung

Der BDKJ Bayern fordert den Ausbau und Erhalt von medienpädagogischen Angeboten
in allen Bereichen der non-formalen Bildung, insbesondere der Jugendarbeit. Der
Landesvorstand des BDKJ Bayern wird beauftragt, sich im Rahmen seiner
Wirkungsbereiche für die Schaffung und Fortschreibung entsprechender
Förderprogramme einzusetzen.

IV. Verantwortung der Digitalwirtschaft

Die Politik muss klare Rahmensetzungen für Digitalkonzerne schaffen. Plattformen
müssen verpflichtet werden, leicht auffindbare, kindgerechte Melde- und
Beschwerdesysteme sowie wirksame Hilfe-Mechanismen bei Gewalt und Belästigung
bereitzustellen. Algorithmen dürfen nicht länger Populismus und Hass belohnen,
um die Verweildauer zu erhöhen; hier braucht es eine staatliche Aufsicht und
Transparenzpflichten.

V. digitale Teilhabe

Digitale Angebote müssen zudem gerecht im Sinne einer Teilhabe aller gestaltet
sein. Kinder und Jugendliche erleben die digitale Lebenswelt unmittelbar und aus
eigener Erfahrung. Ihre Perspektiven und Erkenntnisse müssen daher systematisch
in politische Entscheidungsprozesse und regulatorische Maßnahmen einbezogen
werden.

Zusammenfassung
Digitale Souveränität ist kein Selbstzweck, sondern die Voraussetzung für eine
lebendige Demokratie im 21. Jahrhundert. Die katholischen Jugendverbände in
Bayern werden junge Menschen weiterhin positiv in ihren digitalen Lebensräumen
begleiten und sich anwaltschaftlich für ihre Rechte einsetzen. Es ist die
gemeinsame Aufgabe von Politik und Gesellschaft, die Rahmenbedingungen so zu
gestalten, dass Kinder und Jugendliche nicht nur Konsument*innen, sondern
souveräne und selbstbestimmte Gestalter*innen ihrer Zukunft sind. Nur durch die
konsequente Stärkung der Rechte auf Schutz, Befähigung und Teilhabe kann der
Erosion des demokratischen Grundvertrauens und der sozialen Isolation wirksam
begegnet werden.

Quellen

Bayerischer Jugendring (2026): Medienkompetenz stärken, statt Social Media
verbieten. Positionierung vom 20.03.2026.

BDKJ Bayern (2013): Digitale Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen – Ein
Thema für den BDKJ Bayern. Beschluss der Landesversammlung vom 5. bis 7. Juli
2013

BDKJ Bayern (2021): Gemeinsam gegen Hatespeech! – Für mehr Wertschätzung,
Nächstenliebe und Solidarität im Netz. Beschluss der Landesversammlung vom 30.
Oktober 2021.

Feierabend, S., Rathgeb, T., Gerigk, Y. und Glöckler, S. (2025): JIM-Studie
2025: Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis
19-Jähriger in Deutschland. Stuttgart: Medienpädagogischer Forschungsverbund
Südwest (mpfs). Online verfügbar unter:
https://mpfs.de/app/uploads/2025/11/JIM_2025_PDF_barrierearm.pdf (Abgerufen am
19.05.2026)

Leo XIV. (2026): Magnifica humanitas. Über den Schutz des Menschen im Zeitalter
der Künstlichen Intelligenz. Enzyklika. Vatikan, 15.05.2026.

Möbius, K. (2024): Einsamkeit als Demokratiegefahr. In: merz | Medien +
Erziehung, 2024(06). [Basierend auf einer Untersuchung der Bertelsmann
Stiftung]. Online verfügbar unter: https://bertelsmann-stiftung.de (Abgerufen
am: 19.05.2026)

Siller, F. und Zinsmeister, J. (2023): Kinderrechte im digitalen Umfeld.
Gutachten für das Deutsche Kinderhilfswerk. (Schriftenreihe des Deutschen
Kinderhilfswerkes e.V., Heft 14). Berlin: Deutsches Kinderhilfswerk e.V.

[1] Siller, F. und Zinsmeister, J.

[2] Feierabend, S., Rathgeb, T., Gerigk, Y. und Glöckler, S.

[3] Papst Leo XIV.

[4] Feierabend, S., Rathgeb, T., Gerigk, Y. und Glöckler, S.

[5] Wiedemann, H., Busch, K., Schlichter, N., Gebhardt, L., Paschke, K.

[6] Möbius, K.

[7] BDKJ Bayern (2013)

[8] BDKJ Bayern (2021)

[9] Bayerischer Jugendring